Der innere Richter

Das Gesetzbuch im Innern

Vor einiger Zeit hatte ich in dem Beitrag zum Thema „Selbstliebe“  den „inneren Richter“ erwähnt und einen eigenen Beitrag dazu versprochen.

Der innere Richter ist unserer Vorstellung von „richtig“ und „falsch“. Er ist immer dabei und urteilt über alles, was ihm vor den Hammer kommt. „Diese Jacke passt nicht zu den Schuhen. Diese Frau ist zu dick, dieser Mann ist zu dünn. Ach, ich schaffe das niemals. Ich bin zu dumm.“ So, oder so ähnlich läuft ein dauerhafter Prozess in unserem Kopf ab. Die Menschen gehen ganz unterschiedlich mit dem inneren Richter um. Drei mir bekannte Bewältigungsstrategien möchte ich näher erläutern.

 

Bewältigungsstrategie eins: „Ich schaffe das!“

Ein Gesetzbuch und ein Richterhammer

Bei dieser Bewältigungsstrategie dient der innere Richter als Motivator.  Solange die wertende Stimme im Kopf existiert wird danach gestrebt, es ihr recht zu machen. Fehlt beispielsweise Wissen, um eine Aufgabe erfolgreich zu beenden, wird dieses Wissen gesucht, angeeignet und die Aufgabe erfüllt.

Bis zu einem gewissen Punkt kann dieser Weg durchaus förderlich sein. Problematisch wird es, wenn der innere Richter nicht zufriedenzustellen ist. Sobald eine Problematik beseitigt wurde, kommt eine neue dazu.

Daneben erzeugt nicht nur die ständige Bewertung der eigenen Leistung Stress, auch die Wertung der Leistung unserer Mitmenschen führt zu höherem Anspruch an uns selbst. Entscheidet der Richter demnach: „Diese Frau X ist zu dick.“, gilt dieser Maßstab ab sofort auch für den eigenen Körper. Wenn „grün und blau nur die Sau schmücken“, darf diese Farbkombination auch nicht mehr getragen werden. Schließlich solle man sich zuerst „an die eigene Nase fassen.“

Das erzeugt Stress, der schnell Symptome wie Unkonzentriertheit und Anspannung hervorrufen kann. Außerdem schlägt sich Dauerstress häufig auf die Verdauung nieder und kann weitere körperliche Symptome hervorrufen.

Bewältigungsstratgie zwei. Ignoranz.

Dem inneren Richter zwar zuhören, seinen Weisungen und Zielen aber nicht mehr zu folgen, ist eine weitere Bewältigungsstrategie. Wir lassen die Stimme also reden und hören ihr zu, reagieren aber nicht mehr auf sie. Im besten Fall wird die Stimme nun immer leiser, da sie nicht mehr beachtet wird. Manchmal wird die Stimme aber auch immer lauter. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und möchte erprobt werden.

Ignoranz kann also eine sinnvolle Strategie sein. Dies ist aber abhängig davon, wie viel Macht der innere Richter bereits in unserem Denken hat. Ich empfehle diese Variante, um die Stärke des inneren Richters zu prüfen.

In manchen Fällen verschafft sich der innere Richter „gewaltsam“ Gehör. Auch hier sind wieder Symptome gemeint wie Unzufriedenheit, Niedergeschlagenheit, unangenehme Träume bis hin zu körperlichen Symptomen wie Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden oder Hautreizungen. Der Richter wird dann als zu stark empfunden. Er lässt sich in einigen Fällen leider nicht einfach ignorieren.

Bewältigungsstrategie drei. Das Gesetzbuch umschreiben.

Wie ein Richter an einem Gericht muss sich auch unserer innerer Richter nach einem Gesetzbuch richten. Das wirft die Frage danach auf, wer unser inneres Gesetzbuch geschrieben hat. Bei uns waren das in erster Linie die Eltern, Lehrer und das autoritäre, kindliche Umfeld. Später können auch Partner, Freunde oder Vorgesetzte an unseren persönlichen Gesetzestexten beteiligt gewesen sein. „Die Jacke steht dir nicht. Die neue Haarfarbe ist zu hell. Dies und das tut man nicht….“ und so weiter.

Doch warum beugen wir uns eigentlich einem Gesetzbuch, dass wir weder geschrieben noch in unserem Sinne bewertet haben? Warum erkennen wir diese Gesetze an?

Die nachhaltigste Variante ist, das Gesetzbuch nach und nach zu prüfen und alles umzuschreiben, das uns nicht gefällt. Dazu brauchen wir auch ein wenig von Variante zwei.

Der Unterschied ist jedoch, dass wir dem zunehmenden Drängen des inneren Richters mit der Aufhebung der alten Gesetze begegnen. Ganz wichtig ist es, neue Gesetze zu erlassen. Der innere Richter muss etwas zu tun haben. Ihm ist auf lange Sicht ziemlich egal, wonach er sich richtet. Versäumen wir es, neue Gesetze zu erlassen, werden wieder Gesetze aus unserem Umfeld übernommen und wir haben nichts gewonnen.

Wir müssen also ein eigenes Gesetzbuch schreiben. Diese Strategie ist die langwierigste, doch gleichzeitig auch die nachhaltigste. Stellen sie sich einen inneren Richter vor, nachdem sie sich zwar richten müssen, der aber ihrem eigenen, ganz persönlichen Gesetzbuch folgt. Damit wird der innere Richter vom Erzfeind zum Partner. Er unterstützt sie nun bei der Umsetzung ihrer eigenen Gesetze. Ein Beispiel:

Eine Tasse Kaffee und ein Notizblock mit StiftNehmen wir an, in ihrem inneren Gesetzbuch stand bisher, dass sie jeden Morgen reichhaltig frühstücken müssen. Nun stehen sie aber vor dem Problem, dass sie morgens kaum etwas runterbekommen. Sie quälen sich also Tag für Tag jeden Morgen ein Frühstück in den Körper, um dem inneren Richter Folge zu leisten. Schließlich ist das Frühstück die „wichtigste Mahlzeit des Tages“.

Schritt eins wäre nun also das Ignorieren des Gesetzes. Der innere Richter wird toben! Die angedrohte „Strafe“ könnte Energiemangel am Vormittag sein. Außerdem macht sich Unzufriedenheit breit, die sich über den ganzen Tag zieht. Sie machen sich Vorwürfe, es wieder nicht geschafft zu haben, dem inneren Richter zu folgen. Das ist die bereits erwähnte Gefahr in Strategie zwei, der Ignoranz. Nun kommt der „Zusatzartikel“ aus Strategie drei ins Spiel.

Sie schreiben ein neues Gesetz, dass sich nach ihren Erfahrungen richtet. In einem Punkt hat der innere Richter recht. Sie brauchen Nahrung um Leistung zu bringen. Doch sie entscheiden mit ihrem Körpergefühl, wann ihnen nach Nahrungsaufnahme ist. Vielleicht ist es wesentlich förderlicher, das erste Frühstück erst zur Frühstückspause um zehn zu sich zu nehmen. Nachdem sie verschiedene Varianten ausprobiert haben, schreiben sie die ihnen entsprechende in das innere Gesetzbuch. „Ich muss nicht um sieben Uhr frühstücken, wenn ich um diese Zeit keinen Appetit habe. Meine Frühstück esse ich um 10 Uhr zur Frühstückspause.“

Werden sie nun am kommenden Morgen wach, wird ihr Richter sich zuerst nach dem alten Gesetzbuch richten. Innere Richter sind träge. Doch sie begegnen ihm nun mit der neuen Passage in ihrem Gesetzbuch: „Ich muss nicht um sieben Uhr frühstücken, wenn ich um diese Zeit keinen Appetit habe. Mein Frühstück esse ich um 10 Uhr zur Frühstückspause.“ – „Lieber Richter, danke für deinen Hinweis. Bitte melde Dich um zehn Uhr wieder bei mir.“

Unter Umständen wird der Richter die neuen Gesetze anzweifeln. Doch wenn er bemerkt, dass sie sich an das neue Gesetz halten und es ihnen mehr Vorteile als Nachteile verschafft, wird er sich fügen. Es braucht etwas Geduld, alte Gesetze umzuschreiben. Es hat Jahre gedauert, das alte Gesetzbuch zu schreiben. Die Neuauflage braucht ihre Zeit. Doch sie führt in ein glücklicheres Leben. Sie folgen mit dieser Strategie dem Rat des Philosophen Friedrich Nitsche, der einst sagte: „Werde, der du bist!“

Der innere Richter als Partner

Der innere Richter will im Grunde nur das Beste für Sie. Er ist Freund und Partner. Ist das Gesetzbuch allerdings mittelalterlich geprägt, bedarf es dringend einer Aktualisierung. Löschen sie alte Regeln, aber schrieben sie unbedingt neue, eigene Gesetze!. Nutzen Sie die Kraft des inneren Richters zu ihrem Vorteil!

Wenn sie Hilfe bei der Gestaltung ihres inneren Gesetzbuches brauchen, melden sie sich gern bei mir. Ich unterstütze sie bei diesem Prozess.

Buchempfehlung zum Thema:

Titel: Die vier Versprechen
Autor/en: Don Miguel Ruiz, Miguel Ruiz 
ISBN: 3548745601 
EAN: 9783548745602 
Ein Weisheitsbuch der Tolteken. 
Originaltitel: The Four Agreements. 
‚Ullstein Taschenbuch‘. ‚Allegria‘. 
Übersetzt von Angelika Hansen 
Ullstein Taschenbuchvlg. 

 

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