Von den Tücken der Gesellschaft

Erfolgreich ist der, der in der Lage ist, sich selbst zu folgen.

Alle suchen nach der Gemeinschaft. Und wenn ich alle sage, schließe ich dennoch alle aus, die sich gerade nicht angesprochen fühlen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Nichts ist klar. Natürlich braucht der Mensch ab und an soziale Kontakte und Gemeinschaft. Üblicherweise überschätzen wir den Beitrag der Gesellschaft zum Lebensglück allerdings.

Die Wahrheit ist eher umgekehrt. Die meisten Menschen, die ich auf meinem Weg als Coach kennengelernt habe, lassen viele Ideen und vielleicht gerade schwer zu vermittelnde Wünsche und Visionen links liegen. Sie wollen die Zugehörigkeit zur jeweiligen Gruppe nicht gefährden. Statt ihren eigenen Weg weiterzugehen, bleiben sie auf halber Strecke stehen oder folgen dem Weg der anderen. Nicht selten hören die Individuen der Herde auf, Individuen zu sein.

Tatkraft und Taktik in der Politik

Helmut Schmidt, vielleicht einer der letzten wirklich großen Politiker unseres Landes, forderte vor allem in seinen letzten Lebensjahren mehr Tatkraft statt Taktik. Mit Taktik meinte er, das geschickte Verhalten innerhalb einer politischen Gemeinschaft. Wann wird welcher Posten frei? Wie komme ich schnell nach oben und wenn ich dort bin, wie bleibe ich dort? Am Beispiel der Politik lässt sich das Dilemma ganz wunderbar aufzeigen. Angela Merkel war während ihrer aktiven politischen Laufbahn eine herausragende Taktikerin, wie Schmidt bereits 2012 feststellte. Dieses Talent hat sie immer weiter ausgebaut. Da macht ihr niemand so schnell etwas vor. Allerdings fehlte es ihr an Tatkraft. Wenn dann doch in Ausnahmen schnelle politische Entscheidungen gefällt wurden, waren sie meist unüberlegt. Denken Sie an den Ausstieg aus dem Ausstieg und den sehr übereilten Wiedereinstieg in den Ausstieg aus der Atomkraft nach den Ereignissen in Fukushima. Hier könnte man jetzt von Tatkraft sprechen und genau dort setzte auch das politische Marketing an. Es war am Ende aber nur ein Ausrichten der Fahne nach dem Wind des gesellschaftlichen Meinungsbildes. Übereilt und mit hohen finanziellen Kosten für uns alle verbunden.

Es gib eine Vielzahl an weiteren Beispielen aus anderen politischen Ämtern zu dieser Regierungszeit. Der Maut für Ausländer ist ein Beispiel dafür, dass man Tatkraft nicht darstellen kann. Man muss sie tatsächlich leben. Angenommene Meinungen zu übernehmen und daraus mit dem EU-Recht nicht zu vereinbarende Schlüsse zu ziehen, ist keine Tatkraft. Das nennt man Populismus. Gesunder Tatkraft wohnt ein wohlüberlegter Gedanke inne. Nicht etwa ein wohlüberlegtes Lesen der Statistiken.

Bevor wir das politische Feld wieder verlassen, lassen sie mich noch feststellen, dass die Gesellschaft sich mittlerweile so sehr tatkräftige Politiker wünscht, dass ihnen fast schon egal ist, ob dabei politische Tabus gebrochen werden. Hauptsache, es bewegt sich irgendetwas.

Der freie Geist

Doch warum finden wir immer mehr politische Taktiker im Bundestag? Menschen, die gelernt haben, wie politische Macht taktisch zu erhalten und zu behalten ist. Dieses Verhalten ist nicht nur bei Politikern zu beobachten. Es ist eine Entwicklung einer taktischen Gesellschaft, die ihre Tatkraft hinten anstellt. Politiker wollen wiedergewählt werden. Entweder von der eigenen Partei oder von den Bürgerinnen und Bürgern. Und Menschen wollen ganz offensichtlich gemocht werden, von Familien, Freunden und Kollegen. Und sie handeln daher taktisch. Tatkraft, die aus einer inneren Überzeugung entsteht, führt nämlich nicht selten zu Gegenwind. Zu unangenehm für zu viele Menschen des 21. Jahrhunderts. Wo sind die kühnen Theorien eines Einstein, der damit zu seiner Zeit nicht nur Nächstenliebe empfangen hat? Wo sind die Philosophen, die ihre Ideen mit dem Hammer philosophieren, wie einst Friedrich Nietzsche? Wo sind die Entscheider, die auch unangenehme Entscheidungen treffen, wenn sie einer lebenswerten Gesellschaft dienen? Wer geht noch die Gefahr ein, es sich wegen einer persönlichen Überzeugung mit anderen zu verscherzen? Zu viel Taktik, zu wenig Tatkraft.

Viele Philosophen, wie der bereits erwähnte Friedrich Nietzsche, appellierten an den freien Geist. Er hat verstanden, dass menschliche Entwicklung nur dann möglich ist, wenn eine gewisse gesellschaftliche Unabhängigkeit vorhanden ist. Wenn ich stets Mitläufer brauche, wird es schwer. Denn so muss ich erst andere von meinem Vorhaben überzeugen. Ich gehe dann also taktisch vor, statt direkt mit Tatkraft zu agieren. Hier gilt es zu beachten, dass sehr viele erfolgreiche Menschen davon berichten, wie sie Anfangs mit enormem Gegenwind zu kämpfen hatten. Da gibt es eine Vielzahl an Beispielen. Glauben Sie, der Popstar Prince hatte aufgrund seines metrosexuellen Auftretens sofort alle Herzen auf seiner Seite? Einstein wurde zuweilen von seinen Kollegen belächelt. Nietzsche wurde zu seiner Zeit so gut wie gar nicht gelesen. Er fand häufig nicht einmal einen Verlag, der mit ihm zusammenarbeiten wollte. Einen Teil seiner Bücher verlegte er quasi selbst, auf eigene Kosten und nicht selten auch auf Pump. Große bildende Künstler, die heute jeder kennt, erstickten zu Beginn ihrer Karriere in den eigenen Bildern, die niemand kaufen wollte. Heute werden dieselben Bilder zum erheblichen Teil in Millionenbeträgen gehandelt. Man kann fast sagen, je rauer der Wind ist, der mir entgegenweht, desto größer wird der spätere, vielleicht auch postume Erfolg. Wobei diese These bitte mit Vorsicht zu genießen ist, denn auch dämliche Ideen erhalten zuweilen und Gott sei Dank Gegenwind. Ein Messen meiner Taten an den Bewertungen meiner Mitmenschen ergibt also so oder so keinen Sinn. Gerade in Deutschland werden gute Ideen oft verlacht. Nicht etwa, weil sie tatsächlich lächerlich sind. Sondern vielmehr, weil hier taktisch vorgegangen wird. Jemand mit guten entwicklungsorientierten Ideen kann für den eigen Posten unter Umständen gefährlich werden. Kompliziert wird es, wenn das mir entgegengebrachte Meinungsbild das Abbild einer Gruppenmeinung ist. Denn wenn sich bereits innerhalb einer Gruppe über eine innovative Idee lustig gemacht wurde, fällt es schwer den Geist wieder zu öffnen und eine objektive Bewertung zu ermöglichen.

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Herman Hesse

Der Weg zu einer neuen menschlichen Entwicklungsstufe

Ich beobachte seit einigen Jahren ein wiederkehrendes Muster bei meinen Klienten. Dieses ist völlig unabhängig vom gesellschaftlichen Stand oder vom Maß des Wohlstands. Es hat auch wenig mit Bildung oder Intelligenz zu tun. Die Menschen verzweifeln an ihren Mitmenschen. Sie haben eigene Ideen und Visionen und fühlen sich damit allein. Sie denken häufig, ihre Vorstellungen währen überhöht. Sie berichten mir von Bemerkungen wie: “Das wird nichts!” oder “Wenn das funktionieren würde, hätte es schon jemand anders gemacht!” Sie berichten von erheblichen Zweifeln an ihrem Können. Sie hören auf, an sich zu glauben und glauben den anderen immer mehr. Sie werden schließlich traurig, frustriert, je nach Charakter auch wütend. Und sie glauben, sie wären wütend auf die Menschen, die alle neuentdeckten Türen zu halten. Doch eigentlich sind sie unzufrieden mit sich selbst. Weil sie eigentlich wissen, dass die Gesellschaft keine Antworten hat. Nicht selten wäre es ein Leichtes, die Menschen mit der gleichen Vehemenz, mit der diese die Tür zu halten, zur Seite zu stoßen und die Tür zu öffnen. Doch sie scheuen sich vor dem gesellschaftlichen Echo. Bedenke Sie bitte: Niemand hat irgendjemand gezwungen, sich vor eine Tür zu stellen, durch die Sie gehen wollen. Wer dies tut, muss mit Konsequenzen rechnen. Wir haben das Recht, vermeintliche, geistige Türsteher getrost zu ignorieren. Wir müssen nämlich allzu häufig nicht mal gegen sie kämpfen. Es reicht, einfach weiterzugehen und dem Geschwätz der anderen nicht mehr zu folgen. Man kann es auch mit den Worten von Hannes Jaenicke wiedergeben: “Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche.” Nicht mein gewohnter Stil, dennoch wahr. Und auch wenn es überzitiert ist, die wirklich hilfreichen Antworten auf unsere Fragen, finden wir nur in uns selbst.

Ist dies nun eine Aufforderung zum Egoismus? In gewisser Weise, ja. Wobei ich hier auf einige Feinheiten hindeuten möchte. Es geht nicht darum, irgendjemandem mutwillig irgendetwas wegzunehmen und sich selbst immer in die erste Reihe zu stellen. Es geht darum weiter zu gehen, sich zu bewegen, Veränderungen zu begrüßen und mit Herzenslust zu nehmen, was uns gegeben wird. Es geht darum, einen eigenen Weg zu finden, um später singen zu können “I did it my way”. Ein erfülltes Leben nach eigenen Maßstäben lasst alle Drohungen des Todes verstummen. Mit jeder Tür wird unsere Zuversicht wachsen. Es erfüllt uns mit neuer Hoffnung. Nietzsche sagt: “Gott ist tot! Wir haben ihn getötet.” Und seitdem irren wir durch die Welt, auf der Suche nach Halt. Wir müssen selbst zu den Göttern werden, die wir uns so sehnlich wünschen. Das ist das, was Nietzsche meinte, als er vom Übermenschen sprach. Es geht nicht darum, als Übermensch auf andere herabzublicken. Es geht auch nicht um eine überhöhte Herrenrasse. Nietzsche hat nicht selten seinen Ekel und seine Abscheu gegenüber den Nazis beschrieben. Es ging um eine neue Entwicklungsstufe des Menschen, an deren Schwelle wir schon lange stehen. Diese Schwelle ist nicht im Kollektiv zu überwinden. Wir können diese Schwelle nur als Einzelner begehen. Solange wir davor Angst haben, selbstständig und mutig zu handeln, wird diese Tür verschlossen bleiben. Wir müssen uns von alten Verhaltensmustern verabschieden, um das Neue begrüßen zu können. Immer wieder, Stufe um Stufe. Wie könnte dieser Text also schöner enden, als mit den Worten Hermann Hesses: “Nimm Abschied Herz, und gesunde!”

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